Screen if you can!

Was mir in letzter Zeit häufiger als Innovation verkauft wird ist folgendes: Das neue Fernsehen wird (Tusch!) auf dem Fernseher stattfinden. No shit. Ich habe sogar erlebt, dass versucht wurde diese Binsenweisheit hinter einem NDA zu verstecken.

Natürlich ist das Wohnzimmer das Ziel. Die Kontroverse dreht sich nicht um die Verortung in der Wohnung oder um das Abspielgerät – es geht um das “wie”. Und diese Frage ist zu großen Teilen noch überhaupt nicht beantwortet – in Teilbereichen sind noch nicht einmal die richtigen Fragen gestellt.

In meiner Vorstellung kann der Zuschauer in Zukunft auf jedem seiner Geräte eine Medienauswahl treffen. Die klassische Fernbedienung wird sinnvollerweise durch Tablet, Smartphone o.ä. ersetzt. Und auf die gleiche einfache Weise wie ich mir das Medium aussuchen kann, suche ich mir den Screen für die Wiedergabe aus.

Und dann läuft der Film dort. In höchster Qualität, mit Werbeunterbrechungen, mit Overlays, mit DRM, mit mehreren Audiospuren … mit all dem, was Videoplayer im Netz schon seit mindestens 15 Jahren können.

Swamp TV. James Good via Compfight

Und natürlich kann ich den Film auch in die U-Bahn mitnehmen oder beim joggen gucken. Aber der Ort der Milliarden Sehminuten wird das Wohnzimmer bleiben. Deshalb ist das klassische Fernsehen noch immer so stark.

Es bleibt nur festzuhalten, dass der eine Punkt “und dann suche ich mir einen Screen aus” bis heute technisch vollkommen ungelöst ist.

Ja es gibt AirPlay. Das muss von Apple lizenziert werden. Das funktioniert ganz toll um EIN Videosignal von A nach B zu bekommen. Gesetzt den Fall, dass A und B Apple Geräte sind. Ich persönlich nutze das Apple TV ausschließlich als Audio only AirPlay Empfänger an meinem Verstärker. So kann ich die Spotify Musik von meinem iPhone ohne Kabel über die Anlage hören.

Convenient? Ja!
Zukunft des Fernsehens? Nein!

Dann gibt es DLNA. Die hängen so weit hinterher, dass sie schon fast wieder vorne sind. Aber nur fast. Der aktuelle DLNA Standard unterstützt nur eine stereo Audiospur und *hust* MPEG2 Video. Das wurde 1994 eingeführt. In diesem Jahr hat Rudolf Scharping die Wahl gegen Helmut Kohl verloren. Womit ich sagen will … es ist wirklich lange her. Ach ja – und es funktioniert einfach nicht. Die allermeisten Fernseher sind einfach zu blöde um einen DLNA Stream irgendwie vernünftig wiederzugeben.

Und zu guter Letzt. Chromecast von Google. Ein interessantes Konzept. Ein 35$ HDMI Stick, den man in den Fernseher steckt. Der Teufel steckt im Detail. Google hat Angst, dass man die Chromecast Technologie nutzen könnte um raubkopierte Filme komfortabel auf den Fernseher zu streamen (was sicherlich auch passieren würde). Deshalb erhöht Google aktuell die Hürden um Chromecast Apps entwickeln zu können. Am Ende ist dies aber die Büchse der Pandora und führt direkt in die closed shop diktatorische Apple Welt.

Außerdem sehe ich nicht kommen, dass Google Systeme zulässt, welche Drittvermarktern erlauben würde an Doubleclick vorbei zu vermarkten. Insbesondere wo AOL Google gerade als größter Videovermarkter von der Spitze gedrängt hat. Ohne unabhängige Vermarktung ist das System aber als YouTube Abspielstick verdammt. Die Subscription und Abo und Pay Firmen werden natürlich alle auf Chromecast gehen. Hulu und Netflix sind schon da. Aber neues Fernsehen? Fehlanzeige.

Das muss ich wohl kurz erläutern. Netflix & Co sind nichts anderes als eine direkte Übersetzung der klassischen Videotheken. Menschen möchten ihre Pornos nicht länger beim schwitzigen Studenten bestellen. Da ist das Internet viel angenehmer. Hulu war der Versuch werbefinanziertes Fernsehen in die Neuzeit zu katapultieren. Wächst aber nicht und dümpelt so vor sich hin. Um die Kosten in den Griff zu bekommen wird jetzt mehr und mehr auf Subscriptions gesetzt. Das ist kein Fernsehen.

Wir brauchen ein System um in einem frei zugänglichen Framework unbeschränkt auf jeden Screen zu streamen. Von jedem Gerät aus. Ohne miese Neukompression.

An dem Tag an dem dieses eintritt passieren zwei Dinge.

1.) Alle Videoapps werden die neue Technologie als Standard implementieren, denn jeder will auf den Fernseher.

2.) Hersteller von Fernsehgeräten werden vom Markt als Marken verschwinden. Denn dann braucht man nur noch Displays welche den neuen Videostandard unterstützen.

Aus diesem Grund wird man wohl auch auf die Hersteller als Verbündete im Kampf um neues Fernsehen verzichten müssen.

Screen if you can!

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2 Responses to Screen if you can!

  1. Jason Quinn says:

    Nikolai, you are CLEARLY ahead of your time. The future of webTV lies in a Lean Back experience taking place around the living room TV. I live in NYC, and the new catch phrase among developers is “second screen”. This is all they are focused on at the moment. Creative people and Content providers that understand the dynamic of Leaning Back in the living room with the TV as the focal point, and the web as the seemingly unlimited source, will conquer tomorrow. You will be hearing from me soon. Great AWS presentation by the way.

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